Paternalismus? Pah, jetzt kommt der Maternalismus!

Viele glauben, heute sei die Zeit des Paternalismus gekommen. Zuckersteuer für die Gesundheit, Glühlampenverbot für die Umwelt, absurd teure Gebäudedämmung fürs Energiesparen, Plastikverbot für die sauberen Weltmeere… Wir leben ohne Zweifel in einer Welt voller Verbote und einer sehr hohen Regulierungsdichte. Aber unter welchen Vorzeichen werden sie begangen? Ist es wirklich eine Renaissance des Paternalismus, die uns bevorsteht?

Ich meine, dass der Begriff und die Idee des Paternalismus, der aus dem Wohlfahrtsstaat des 18. Jahrhunderts stammt, nicht mehr trägt, um die Probleme unserer Zeit zu beschreiben. Heute ist es nicht mehr die bevormundende väterliche Hand, die uns zum gehorsamen Untertan erziehen will, sondern vielmehr die sich sorgende Mutter, die uns aus Angst und Beschützerinstinkt, unsere Freiheit einschränken möchte. Ich nenne diese neue Tendenz der Politik daher »Maternalismus«.

Dabei handelt sich nicht um ein Matriachat, wie der Begriff erst einmal assoziieren lässt, weil nicht ausschließlich Frauen herrschen oder dem Maternalismus anhängen. Auch Männer sind Teil des maternalistischen Trends. Ich habe darüber hinaus den Begriff Maternalismus gewählt, weil die weibliche Bevormundung besser den Kern der heutigen Verbotskultur trifft und da diese wiederum mit der Feminisierung unserer Gesellschaft zusammenhängt.

Man versteht die heutige Trendrichtung erst richtig, wenn man sich zuerst den alten Paternalismus vor Augen führt. Der Paternalismus ging vom absoluten Monarchen (dem Landesvater, einer Art Über-Patriarch) aus, der aus Großzügigkeit seinen Untertanen Wohltaten zukommen ließ, dafür aber Dank und Verbeugung erwartete. Seine Verbote dienten der Aufrechterhaltung dieser wohlgeformten Ordnung, nicht dem Erziehen der Bürger zu guten Menschen. Die Gesinnung seiner Untertanen war dem Monarchen gleich. Der äußere Gehorsam in Form von Befolgung der strengen Gesetze reichte ihm vollkommen aus. Bordelle, Spielkasinos, das Erregen öffentlichen Ärgernisses, das Infragestellen der Monarchie, kritische Berichterstattung und freigeistige Kulturerzeugnisse, Schundliteratur und ungezügeltes Verhalten, all das verbot der König mit der Begründung, die gesunde (natürliche) Einrichtung des Staates nicht gefährden zu wollen.

Heute erleben wir aber etwas völlig anderes. Unter dem Vorzeichen der partizipativen Demokratie greift die akademische Elite zum Maternalismus, weil sie in ihm die Verwirklichung ihrer Freiheitsideale erblickt. Sie will den Menschen zum »rationalen« Gebrauch seiner Freiheit erziehen. Es sollen »unnötige« Risiken, Gefahren und unintendierte (negative) Wirkungen auf Mitbürger vereitelt werden, noch bevor sie geschehen. Die spontan und chaotisch sich bildenden Buttom-Up-Kräfte der Gesellschaft werden zurückgedrängt, weil sie nicht in das Bild der abgesicherten und vor Gefahren geschützten Zivilgesellschaft zu passen scheinen, die wir sonst im Privatleben errichtet haben.

Der Maternalismus kann es nicht ertragen, dass im öffentlichen Leben zwischen den Risiken für den Menschen abgewogen werden muss und dass wir nie alle Menschen vor allen Risiken bewahren können. Genehmigen wir ein Düngemittel, dass möglicherweise Krebs erregt? Wie hoch legen wir die Latte, bis ein Mittel zugelassen wird? Wie viel ist uns der Schutz wert? Wie bewerten wir den Aufstieg selbstfahrender Autos? Wer haftet für die Schäden? Wie bedrohlich sind Drohnen, die eine Pizza ausliefern? Der Maternalismus lebt von der Angst vor dem Ungewissen. Er will sich diese Fragen nicht rational stellen, unter der Prämisse unserer Lebensumstände, sondern überkorrekt und kategorisch den Schutz aller Menschen vor möglichst allen Risiken gewährleisten. Er hat deswegen etwas Kindisches. Er kann bei Dunkelheit nicht vor die Tür gehen. Aber woher kommt diese neue Angst vor dem Risiko?

Ich meine, die Feminisierung und damit die einhergehende Humanisierung der Gesellschaft spielen eine Rolle. Salopp formuliert: Wir sind zu weich geworden. Unter der Feminisierung verstehe ich den freien Zutritt von Frauen in alle öffentlichen Ämter, in die Wirtschaft und in hohe gesellschaftliche Positionen. Durch diesen Wandel wird auch ein kultureller und moralischer Wandel erzeugt. Frauen prägen durch ihre Natur die Gesellschaft, indem sie früher vernachlässigte weibliche Bedürfnisse und moralische Motive in das Zentrum der Öffentlichkeit stellen. Als da wären: Die Verdrängung der Gewalt aus der Öffentlichkeit, ein erhöhtes Augenmerk auf das Wohlergehen der Kinder, die Inklusion von benachteiligten Minderheiten wie Behinderten, Migranten, diskriminierten ethnischen oder religiösen Gruppen und eine Betonung netter öffentlicher Kommunikation (politische Korrektheit). All das trägt nach und nach zur Humanisierung der Gesellschaft bei.

In dieser Hinsicht ist die Feminisierung ein ungemeiner Gewinn für eine liberale Gesellschaft. Denn jede Form von Gewalt ist die Antipode der Zivilisation und hemmt den zivilisatorischen Fortschritt. Männergesellschaften tolerieren selbst in ihren zivilisierten Varianten an ihren Rändern weitaus mehr Gewalt als Mittel der Selbstbehauptung und zur Austragung von Konflikten, als das in Frauengesellschaften der Fall ist. Treten nun Frauen vermehrt in Männergesellschaften ein, werden diese ruhiger. Sie werden wie unter einer Glasglocke gehalten. Frauen dulden weit weniger Gewalt und pochen auf die Kommunikation als Austragungsort von Konflikten. Dafür zahlt man den Preis ständig unter der Oberfläche schwelender Konflikte, die durch Sprache allein nicht ausgetragen werden können. Die in den Männern steckende Gewalt darf nicht ausbrechen und wird aufgestaut. Taktische und langfristige Vorteilsnahme oder Intrigen sind die Folge, die den offenen Hahnenkampf ersetzen. Aber die Feminisierung hat auch zur Folge, dass die Abhärtung des Einzelnen, offen mit Konflikten umzugehen und sich einer Gefahr direkt zu stellen, abnimmt.

Auf der Oberfläche betrachtet, führt die Feminisierung zu mehr Sicherheit. Diese Sicherheit wird mit einer auf das Ganze gesehen abgeschwächten Gewaltaustragung, aber einer Übervorsichtigkeit im Umgang mit Veränderungen erkauft. Sicherheit und Berechenbarkeit erhöhen sich – Werte, die unter Frauen weit mehr geschätzt werden als unter Männern – moralische Hemmnisse und Ansprüche an den Einzelnen erhöhen sich allerdings auch. Frauen sind affiner für (noch) nicht sichtbare Gefahren. Erschreckende Zukunftsszenarien, gegen die bisher keine Absicherung besteht, erzeugen bei ihnen mehr Unwohlsein als bei Männern. Deshalb versuchen sie, die Gesellschaft mit mehr Abfederungen zu versehen. Vorschriften und Mindeststandards sind hier die beliebteste Variante des Eingriffes, weil sie ein Minimum an Sicherheit, Qualität und Moral zu garantieren scheinen, das nicht unterschritten werden darf.

Das Wasser, das man trinkt, das Gemüse, das man isst, die Brücke, über die man geht. Alles muss haargenau auf seine Gefahren überprüft werden. Wie man vor den Vorschriften trinken, essen und über Brücken gehen konnte, daran kann sich der Maternalismus nicht erinnern. Der Blick der maternalistischen Reformen ist dabei immer auf den Verbrauch, nie auf die Produktion gerichtet. Nicht der gehemmte Unternehmer, sondern die sorglose Mutter als Konsumentin ist der Adressat. Sie soll sich nicht sorgen müssen, dass ihre Kinder durch einen Fehlkauf vergiftet werden. Die Disruption und Innovation der Kultur sieht der Maternalismus per se kritisch, weil er sie immer unter dem Aspekt des Zerstörens bisheriger Sicherheiten begreift. Die Dynamik der kreativen Zerstörung durch Einzelgänger erlahmt (typisierte männliche Innovation). Dem wird der kalkulierte und vorher in der Bezugsgruppe debattierte und nur auf Genehmigung erteilte Fortschritt entgegengestellt (typisierte weibliche Innovation).

Der Maternalismus sucht nach immer weiteren Störquellen und Gefahrenpotenzialen, um noch mehr Sicherheit bieten zu können. Das führt zu absurd hohen Mindeststandards und Vorschriften, die nicht mehr am minimal vertretbaren Risiko, sondern an der gerade noch erreichbaren Sicherheit orientiert sind (Stickoxid-Werte in der Innenstadt). Die tägliche Praxis der Wirtschaft und der Gesellschaft wird in die Halbkriminalität gedrängt. Die Vorschriften sind so hoch, dass ihnen niemand gerecht werden kann, so dass im Zweifelsfall Schäden als kriminelle Handlungen ausgelegt werden können.

Das öffentliche Wohl, das durch neue Technologien und innovative Produkte erzeugt wird, wird durch die Ängste verdrängt und einseitig als egoistisches Verhalten von Produzenten gesehen. Es handelt sich aus der Sicht des Maternalismus um Produzenten, die auf Kosten der öffentlichen Sicherheit Profite erwirtschaften wollen. Das erzeugt einen Empörungsreflex. Obwohl kein anderer Ausweg besteht, als die Vorschriften des Maternalismus in der Praxis zu brechen, um überhaupt noch Wohlstand erwirtschaften zu können, wird das Heil in noch höherer Regulierung statt in der Linderung der Regulation selbst gesucht.

In den öffentlichen Debatten wird heute immer noch davon ausgegangen, dass die regulatorische Tendenz, die wir erleben, eine sozialistische sei, die auf eine Ersetzung des marktwirtschaftlichen Prinzips setzt. Die Kritiker können nicht erkennen, dass die Eingriffe weitaus weniger planvoll und ohne langfristige Überlegung, sondern aus dem Bauch heraus und aus der alleinigen Absicht, mehr Sicherheit herzustellen, erfolgen. Es steckt kein ideologischer Plan dahinter. Humanisierte und feminisierte Gesellschaften wollen einfach weniger Risiken gegenüber Neuerungen eingehen.

Die ideologische Seite des Maternalismus

Der Maternalismus hat mithin ideologische Facetten. Diese ergeben aber kein ganzheitliches Gesellschaftsmodell. Sie sind eher ein Sammelbecken von Ideen, die der Einschränkung des disruptiven, dominanten, im Hintergrund immer mit Gewalt drohenden, männlichen, unternehmerischen Zivilisationsmodells dienen.

Eine Facette dieser Ideologie ist die permanente Moralisierung öffentlicher Debatten. Frauen neigen deshalb zu einer stärkeren Moralisierung von Konflikten, weil sie Konflikte nicht als Austragungsort von Stärke, sondern von Loyalität verstehen. Kommunikation dient der ständigen Aufrechterhaltung von Loyalität. Damit werden die Handlungsmuster gesteuert. Wer nicht mehr als loyal erlebt wird, wird verbannt. Weibliche Kommunikation ist stark dialektisch und apodiktisch. Freundlich und offen oder abstoßend und verneinend. Die Zwischentöne fehlen. Die für Männer typische asymmetrische Kommunikation, in der durch die Herausforderung (Witz, Argument, Satire) die Autorität des anderen getestet wird und die dem anderen Raum für eine Erwiderung lässt, gibt es hier nicht, weil die weibliche Kommunikation nicht auf der Herausforderung, dem offenen Angriff oder des Wort-Duells, sondern auf der Symmetrie von Gleichen basiert.

Weibliche Kommunikation wird deshalb häufig inhaltlich als redundant und flach, psychologisch aber als Meta-Gespräch erlebt. Das nette Wort zur innerlich längst missliebigen Nachbarin soll die noch vorhandene Neigung zur Versöhnung nicht abbrechen lassen. Die Worte sind nicht ihrem Inhalt gemäß geordnet, sondern dienen der Funktion zur Gruppenintegration oder der Exklusion. Die meiste Zeit über reden Frauen in Sprechakten, nicht in inhaltlich gehaltvoller Sprache. Die Exklusion, der Ausschluss aus der Gemeinschaft, erfolgt durch einen Empörungs-Sprechakt gegenüber dem Missetäter, der durch eine Enttäuschung der Loyalitätserwartungen begründet wird. „Wie kann man nur so etwas tun? Das hätte ich von dir nicht erwartet! Schere dich zum Teufel, dich lasse ich nicht mehr in die Nähe meiner Kinder!“

Männer verstehen oft nicht, warum schon die Art einer Aussage, mithin die Wortwahl, eine solche Empörung auslösen kann. Das geschieht deshalb, weil in der weiblichen Kommunikation schon die Intention des Sprechers auf Loyalität zur Bezugsgruppe hin abgeklopft wird. Lässt die Intention des Sprechers auf eine egoistische oder in anderer Weise nachlässige Gesinnung schließen, ist dies für eine Frau gleichbedeutend mit einer offen ausgetragenen Verletzung. Diese sonst in Paarbeziehungen für Konflikte sorgende Kommunikationsart wird nun öffentlich gemacht und gipfelt in einer erdrückenden politischen Korrektheit, in der nicht nur nette, allgemeinen Höflichkeitsformen verpflichtete Rede geboten ist, sondern auch eine reine Gesinnung überprüft wird.

Damit eine reine Gesinnung überhaupt festgestellt werden kann, braucht es eine allgemeine Gesinnungsethik. Frauen sind daher viel stärker an absoluten Tabus und unverzeihlichen Geboten interessiert als Männer. Für Frauen ist die Ethik das Mittel zur Unterscheidung zwischen einem gefährlichen oder ungefährlichen Menschen. Für Männer hingegen ist die Ethik bloß eine kluge Ansammlung von Regeln zur Gewaltvermeidung. Sie dient der Kooperation, ist die Manifestation des Soll, die nur im Kontrast zum Wollen Sinn ergibt. Sie wird als Leitlinie, aber nicht als Grundzustand verstanden. Unter Männern wird niemandem das verständliche egoistische Motiv zur Moralvermeidung abgesprochen. Ein moralisches Vergehen wird hier nach allgemeinen Grundsätzen bestraft. Die Gesinnung kann dabei außen vor bleiben.

Dem Maternalismus genügt das nicht. Die öffentliche Berichterstattung und die öffentlich geführten Diskurse werden dem Dogma einer allgemeinen Moral unterworfen. Was man nicht mehr sagen darf, was man nicht mehr denken darf, was man nicht mehr tragen darf, wird penibel durchdekliniert. Frauenzeitschriften definieren »Do’s und Don’ts« am laufenden Band und auch die Politik und die Wirtschaft werden mehr und mehr nach dem äußeren Gebaren und weniger nach der argumentativen Brillanz bewertet. Für die Abstrafung von Missetätern braucht es natürlich Sanktionsmechanismen. Skandale und Empörungswellen sind die öffentlichen Pendants zur privaten Verdammung von Sündern. Es findet nun ein ständiges gesellschaftliches Inkludieren und Exkludieren von Mitbürgern statt. Jeder ist verdächtig, es nicht gut mit der Gesellschaft zu meinen. Die Unschuldsvermutung ist nur noch männliche Makulatur eines veralteten Systems. Wichtiger als die Feststellung rechtlich relevanter Straftaten wird das Urteil der Öffentlichkeit über die Moral des Täters.

In der Wissenschaft wird der Grundsatz der Wertfreiheit und der kritisch-rationalen Wahrheitsfindung angegriffen. Skeptische Wahrheitsfindung, die das Erreichen letzter Wahrheiten ablehnt, kann nicht als Waffe zur Moralisierung verwendet werden und wird daher als scholastische Überspitzung einer Männerlogik abgelehnt. Auch in der Wissenschaft schleichen sich daher gesellschaftlich akzeptierte und geächtete Wahrheiten ein. Streit und Diskurs werden in der Wissenschaft zunehmend skeptisch gesehen, weil sie Dissens befördern und zu einem größeren Spektrum an akzeptierten Meinungen führen. Die Tendenz des Maternalismus will aber das Spektrum an moralisch zulässigen Wahrheiten möglichst klein halten. Die Komplexität der Theorien darf nicht zu sehr zunehmen. Vagheit und Bescheidenheit der Lehre werden als Charakterschwäche ausgelegt. Außenseiterpositionen werden diskriminiert und vom Hof gejagt. Lehrstühle werden unter die Meinungshoheit der Öffentlichkeit gestellt.

Generell ändern sich die Ansprüche an Amtsträger und Menschen mit verantwortungsvollen Positionen. Werden in Männergesellschaften Querdenker und Einzelgänger für Führungspositionen bevorzugt, die durch Selbstständigkeit, Charisma und Streitlust brillieren, sind nun Mehrheitsfähigkeit, Zurückhaltung und Angepasstheit gefragt. Sie bilden die Charakteristika der maternalistischen Führungsriege. Robert Habeck ist das neue Vorbild dieser Entwicklung. Er tritt nicht als Macho auf, nicht zu chic, nicht zu überheblich, er hat eine klare moralische Botschaft und bleibt immer höflich und dezent. Die Inhalte, gerade die Widersprüche und die Zugkraft seiner Ideen treten in den Hintergrund. Das auf breite Anerkennung ausgelegte äußerliche Betragen schlägt im Maternalismus das auf Dominanz ausgerichtete Führungsideal der alten Männerwelt.

Die Humanisierung wird nicht nur durch einen sorgsameren Umgang der Menschen untereinander deutlich, sondern auch im Umgang mit der Natur. Die Welt der Dinge wird beseelt und unter den Schutz der guten wohlmeinenden Menschen gestellt. Hunde und Katzen werden zu Familienmitgliedern, weshalb Tiere nicht mehr als Nutztiere und Schlachtvieh betrachtet werden dürfen. Frauen können die Tatsache der Hackordnung der Natur, deren Teil sie sind, weniger gut verkraften. Für sie ist die Tötung eines Tieres nicht unter dem Aspekt der Verwertbarkeit, sondern der eigenen Schuldigkeit zu sehen. Frauen können generell stärker für (angebliche) Verfehlungen affiziert werden. Vegetarismus und Veganismus sind Ausdruck dieser Neigung und werden zum Zeichen moralischer Lebensführung offensiv nach außen getragen. Männer würden die Schwäche verstecken, die es ihnen verbietet, ein Tier aus Mitleid zu essen. Frauen machen daraus ein Gesprächsthema.

Aber auch Gurus und Lebensberater erfahren durch das für Beeinflussung durch fremde Ohren offenere Geschlecht eine Aufwertung. Wollen Männer in der Tendenz ihre Probleme selbst bewältigen und nur Rat eines weisen Vaters akzeptieren, der ihre Rolle als Selbstständigen aber nicht gefährdet, sind Frauen weitaus affiner für Menschen, die ihnen Erlösung für vorher nicht empfundene Schwächen garantieren. Methoden, die nicht der rationalen Begründung zugänglich sind, sind hier besonders beliebt. Homöopathie und laienpsychologische Persönlichkeitscoachings liegen nicht zufällig im Trend. Die hohe Beachtung, die das Innenleben der Frau durch die besondere Behandlung des Gurus erfährt, spült all ihre Zweifel hinweg. Erfahrungsberichte von bereits erlösten Leidensgenossinnen sind wichtiger als tatsächlich messbare Erfolge. Frauen sind in der Tendenz beeindruckter davon, dass ein Außenstehender vorgibt, ihre Persönlichkeit nach wenigen Minuten erkennen zu können, ihr ihre tiefsten Sehnsüchte zu offenbaren und für sie ihre so komplizierte Seele zu deuten. Frauen dehnen die Beratungsindustrie auf alle Bereiche des Lebens aus. Wie mache ich Sport, wie esse ich, wie erziehe ich meine Kinder? Alles Fragen, die nicht durch echte Beschäftigung mit dem Material, sondern durch öffentliche Hypes und Trends entschieden werden, die sich wiederum bestimmte Gurus zunutze machen. Diese benutzen ausgewählte Schnipsel der Wissenschaft, um sich eine Aura der Sachkenntnis zu geben, verbreiten ansonsten aber Allgemeinplätze, verdrehte Halbwahrheiten oder selbst ausgedachten Unsinn.

Der Ökologismus als Unterbewegung des Maternalismus

Der Ökologismus selbst ist älter als der Maternalismus. Er beginnt schon mit den Lebensreformbewegungen des 19. Jahrhunderts, die wiederum starke sozialistische Wurzeln haben. Das Eigentum wird hier als ungerechtfertigter Eingriff in die Natur verstanden, mit der sich der Mensch an der natürlichen Harmonie versündigt. Wie der Sozialismus den Wettbewerb und die Abgrenzung unter den Individuen in der Gesellschaft beklagt, so beklagt der Ökologismus die fehlende Harmonie des Menschen mit seiner Umwelt. Der Mensch mache sich Dinge und Tiere einfach Untertan und denke nur an sein Fortkommen. Das wird als ungerecht und gemein angesehen. Es wird der Wunsch nach einer möglichst friedfertigen, nicht aggressiven Lebensart eingefordert. Man will niemandem etwas wegnehmen oder ein Tier töten müssen, um zu überleben. Man will niemanden etwas zu leide tun, niemanden verletzen. Diese Grundintuitionen greift heute der Maternalismus auf, der auch nach Harmonie und Gewaltfreiheit strebt, nachdem die Lebensreformbewegungen krachend in sektiererischen Kommunen gescheitert sind.

In der Tendenz empfinden Frauen einen starken Wunsch danach, ihrer Umwelt keinen Schaden zuzufügen. Sie empfinden es als gemein und hart, für den eigenen Vorteil die Natur zu verbrauchen oder Tiere zu töten. Die milde und sanfte Seite der Feminisierungswelle, welche bereits die menschliche Gesellschaft reformiert hat, wird weiterentwickelt und auf die unbelebte und restliche belebte Natur ausgedehnt. Dass diese Natur nicht harmonisch, dass sie mithin in einem ständigen Kampf ums Überleben verstrickt ist, ob das dem Menschen gefällt oder nicht, und das die unbelebte Natur per definitionem keine Seele hat, die man verletzen könnte, wird nicht hinterfragt, wie folgende Floskeln nahelegen: „Der Erde ginge es besser ohne uns.“ „Der Mensch ist das Krebs dieser Welt, er breitet sich exponentiell aus und zerstört alles andere.“ „Hoffentlich kommt bald eine noch besser entwickelte Spezies und verdrängt uns.“

Der Wille zum Natur-Pazifismus mündet logisch in einen suizidalen Nihilismus. Das menschliche Leben wir dem eines Bakteriums gleichgestellt. Dem Überlebenswillen des Menschen wird die Selbstaufgabe als moralisch höherwertig entgegengehalten. Das wäre logisch betrachtet das Ende der menschlichen Zivilisation.

Die überwiegende Mehrheit der maternalistischen Gesellschaft denkt diese Position aber nicht zu Ende und erkennt daher die Radikalität der eigenen Ansichten nicht. Die meisten wollen sich nur mit jener Güte schmücken, die sonst schon zum Kriterium öffentlichen Ansehens emporgeklettert ist. In dieser Logik bedeutet »öko« sein, die intuitiv plausible Forderung, nicht nur gut zu den Mitmenschen, sondern auch zum Planeten zu sein. Wir sind nicht nur nett zueinander, sondern auch zu allem, was uns umgibt. Widersprüche werden ignoriert und verdrängt, das eigene Weltbild verklärt, bestimmte durch Berater und Gurus empfohlene Heilswege werden zu Trends, die zwar nichts am Weltverhältnis aber am Selbstbild ändern. Man fühlt sich besser, wenn man mit der Baumwolltüte einkaufen geht. Und nur das zählt.

Der Asketismus als weitere Blüte des Maternalismus

Auch asketische Ideen sind heute wieder gefragt. Hat die rationale freiheitliche Ordnung dem Individuum Auswahl und Wohlstand, Tätigkeit und Vielfalt gebracht, steht dem die Abkehr, die Müßigkeit und die Unabhängigkeit des Puritaners entgegen. Auch hier wird eine Theorie der Gewaltfreiheit zum Ausgangspunkt einer ganzen Weltsicht. Eigentlich ist Asketismus die Überforderung mit der eigenen Positionierung in der Welt. Man möchte sich am Treiben des Lebens nicht mehr beteiligen müssen. Die Stoa waren reiche alte Männer, die sich um nichts sorgen mussten und aus Angst vor den kleinsten Gefühlsregungen, die Idee absoluter Bedürfnislosigkeit predigten. Bedürfnislosigkeit erzeugt in einem perversen Sinne Glück und Unabhängigkeit, denn man hat das Gefühl, endlich vollkommene Macht über das eigene Leben zu besitzen. Die Einflüsse der Außenwelt werden auf ein Minimum reduziert, deshalb auch der Hang zur Meditation und zu halluzinogenen Drogen, weil auch die geistige Welt noch vollkommen kontrolliert werden soll. Der Asket muss keine Sorgen und keine Erwartungen mehr an das Leben stellen. Er ist nur noch atmendes, halb verhungertes Subjekt seiner reinen Empfindungen. Er braucht nichts und er erhofft sich nichts, aber er baut auch nichts auf und erzeugt nichts. Zivilisation ist immer Hoffnung, Wille und Tat. All das scheut der Asket, aus Angst vor dem Scheitern. Es war eine seltene Mischung und ein lebensrettender Einfall, dass die puritanischen Calvinisten ihren Asketismus nur auf den direkten Konsum, nicht auf die produktive Arbeit richteten und damit immerhin Produktion und damit wirtschaftlichen Fortschritt möglich machten. Aber Arbeit ohne Genuss ist vertane Liebesmüh. Es braucht den Sinn des Verzehrs, damit das Erschaffene schmeckt.

Konsumismus ist Diesseitserfüllung der Wünsche, ist Lebensbejahung und gerechtfertigte Belohnung für die Plage der Arbeit. All das stellt der Asketismus in Frage. Am Asketismus reizt der Maternalismus seine Weltabgewandtheit, seine angebliche Reinheit und Gewaltlosigkeit, da Selbstaufgabe. Nur wenige Menschen waren seit jeher bereit, zu wahren Asketen zu werden. Daher schmückt sich der Maternalismus nach außen mit Askese und belohnt sich nach innen mit Konsum. Die Welt da draußen soll befriedet werden, im Hort der Familie darf man schlemmen. Der Asketismus des Maternalismus ist mehr Schein als Sein.

Die Gefahren

Der Maternalismus gefährdet die Demokratie, den Rechtsstaat, die freie Meinungsäußerung, den kritischen Rationalismus, die Vielfalt der moralisch vertretbaren Haltungen, technische und wirtschaftliche Innovationen, den Wohlstand und die säkulare Gesellschaft. Wir brauchen eine Debatte, die all diese Fehlentwicklungen thematisiert und in einen systematischen Zusammenhang stellt. Dabei darf man nicht der naiven Ansicht verfallen, dass man die heutigen Probleme durch einen Rückbau der Feminisierung erreichen könnte. Die Feminisierung ist zwar der Auslöser, aber nicht das Übel, an dem wir die Debatte aufziehen sollten. Der Maternalismus hat greifbare ideologische Kerne, wie eine übertriebene Sicherheitsaffinität, einen Hang zum Irrationalismus, zur Hysterie, zur Panik und zur Unfreiheit als Mittel der Wahl, um dem Drang nach Sicherheit nachzukommen. Gegen diese Ideen müssen die Ideen der Freiheit, des Fortschritts und die Attraktivität sachlicher Argumente und sinnvoller Debatten ins Feld geführt werden. Wir können unsere Gesellschaft eine Evolutionsstufe weiterdrehen, wenn wir es schaffen, uns nicht nur zu feminisieren, sondern die Feminisierung kritisch-rational zu gestalten. Wir sollten versuchen, eine Mischung aus rational-legalen auf Wirtschaftlichkeit und Fortschritt bedachten Gesellschaftszügen, mit den auf Würde und Gleichberechtigung abzielenden Institutionen zu vereinen, welche die Feminisierung und Humanisierung uns gebracht haben. Ein gewisses Spannungsfeld wird zwischen diesen beiden Polen immer bleiben. Wie F.A. von Hayek bereits betonte, kann man den kategorischen Imperativ Kants radikal auslegen, dann dürfte niemand für jemand anderen arbeiten, denn sobald er dies täte, machte er sich zum bloßen Mittel des anderen. Wenn man das Konzept der Würde des Menschen zu stark überzeichnet, ist gesellschaftliche Kooperation unmöglich, da sie nie auf Gleichheit, sondern auf Ungleichheit basiert. Getauscht wird nur zwischen Ungleichen. Der eine will, was der andere hat und umgekehrt. Wer dieses Grundprinzip nicht akzeptieren kann, muss die Wirtschaft und die offene Gesellschaft insgesamt ablehnen. Wer allerdings die Extremposition verlässt, kann sinnvoll für die Achtung vor der Würde eintreten, ohne den Fortschritt zu hemmen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s